Donnerstag, 19. Juni 2008

Es kam wie es kommen musste.

Hola!

Wie gewonnen so zerronnen. Oder auf jeden Fall so ähnlich ;-).

Wie einige von euch mitbekommen haben hatte ich am Dienstag ne sehr nice Session mit rund 10 Stacks down auf NL1k. Ist Standart, ich weiss. Aber trotzdem nerve ich mich darüber, 5 Digits an einem Abend verloren zu haben. Ich hab mich einfach noch nicht an diese (negativen ;-)) Beträge gewöhnt.
Aber es geht nicht ausschliesslich ums Geld. Aufgrund meines progressiven BRM (ähnlich wie das von Paxi hier proklamierte BRM: http://www.raise.ch/forum/viewtopic.php?t=906), war es nur eine Frage der Zeit.

Das Problem allerdings, war weniger das BRM als ich. Ich habe meine eigenen Regeln nicht befolgt. Ich habe müde, auf semitilt und mit B-Game gespielt. Die Schuld liegt, wie immer im Down, bei einem selbst. Selbsterkenntnis ist, nebst Kritikfähigkeit, wohl einer der absolut wichtigsten Eigenschaften die ein Pokerspieler benötigt. Im Up fühlt man sich als könnte man alles und jeden besiegen. Das kennt ihr bestimmt auch.

Und dann kommts, ich habs schon erwartet, der eine Dienstagabend, an dem man einfach irgendwie die Kontrolle verliert. Ich nerve mich hauptsächlich ab mir selbst. Wie konnte ich so dumm sein? Und vor allem, wie konnte ich so einen blöden, absolut vermeidbaren Fehler begehen?

Die Beantwortungen dieser Fragen scheint nicht einfach. Aber wenn man ein wenig in sich geht findet man die Ursachen. Ein guter, erfolgreicher Pokerspieler muss ausgeglichen sein. Er muss ein super Reallife haben, dann läufts auch im Poker super. In letzter Zeit war das bei mir wohl nicht mehr der Fall. Zu wenig Schlaf, zu viel zocken, vll sogar zu wenig social life. Ich versuche immer aus meinen Fehlern zu lernen. Und ich hoffe, ihr könnt auch von meinen Erfahrungen profitieren. Ich missbrauche jetzt diesen Post halt ein wenig als Psychologieartikel.

Wenn ihr im Down steckt müsst ihr euch überlegen, was IHR bzw was ICH falsch macht/mache. Jeder hat Leaks, darunter vor allem auch psychologische Leaks. Theorie lernen schafft bei den spielerischen Leaks abhilfe, Ausgeglichenheit beseitigt psychologische Leaks.

Wir Pokerspieler sind schon ein sehr eigenes Völkchen. Ich kenne auch hier im Blog einige (mich eingeschlossen), die wohl zuviel spielen. Ihr denkt jetzt vll; ja ihr seid ja auch Winning Player und verdient euch etwas dazu. Aber eigentlich ist Geld nich so bedeutend. Im Leben sowie beim Pokern. Ihr mögt mir jetzt nicht glauben. Klar, Geld schafft Freiheit. Aber es geht im Leben ja auch darum Dinge zu erreichen, die die Persönlichkeit stärken, bei denen man sich selbst verwirklichen kann. Und das ist wohl bei den Wenigsten (nur) das Geld.

Bei Poker sind es meist gesellschaftliche/sportliche Aspekte, die jemanden dazu bringen zu spielen. Spieler die versuchen nur Poker zu spielen (resp. damit beginnen) nur um Geld zu gewinnen scheitern meist.

Tilt ist ein Ausdruck innerer Aggressivität. Es geht nicht um den Bad Beat, sondern um das was man auf diesen Bad Beat projeziert. Ungerechtigkeit, Unfairness und der Gedanke; man sei sowieso immer der einzige, der sie bekomme. Diese Projektion hat nichts mit Poker zu tun. Sie hat mit Gefühlen, die im Alltagsleben entstehen zu tun. Poker wird dann sozusagen als Ventil für diese Gefühle missbraucht (wie beim Sport), man tiltet. Die Lösung von Tilt ist nicht nur die Bekämpfung der Symptome (also sofort aufhören zu spielen), sondern vor allem die Bekämpfung der Ursachen. Wieso ist man so aggressiv? Wieso ist man nicht ausgeglichen?

Poker ist ein Spiel. Spiele sind da um Spass zu haben. Tilt hat keinen Platz beim Poker. Vertiltet man nur einen Stack alle 2k Hands, vernichtet man die Hälfte der Winrate als 5ptbb Winning Player und die gesamte als 2ptbb Winning Player. Aber es geht ja nicht nur um die Winrate. Sondern auch um Zufriedenheit.

Wenn man Poker als einziges Hobby betreibt gibt es die Gefahr einer zu starken Identifikation mit dem Spiel, was aufgrund der Varianz verherend sein kann. Poker ist nunmal swingy, definiert man also seine Persönlichkeit hauptsächlich über Poker wird man zu einer manisch/depressiven Persönlichkeit, die ihre Gefühlslage den jeweiligen Swings anpasst. Das hat wohl jeder Pokerspieler ein wenig, aber nimmt das überhand, wird man wohl kaum wirklich glücklich. Man braucht Stabilisatoren, vor allem als Pokerspieler. Sport und andere Hobby sind da imo am besten geeignet.


So, das ist jetzt ein wenig lang geworden. Ich hoffe ihr könnt vll. etwas daraus mitnehmen, ansonsten oder trotzdem werdet ihr all die Erfahrungen wohl unweigerlich selbst machen ;-).

Ich wollte in diesem Post nicht rumwhinen (bin immer noch >4k up), sondern versuchen ein wenig das auszudrücken, was ich bzgl. Tilt und Poker/Reallife denke.

Ich werde jetzt vorerst wieder die Midstakes (inkl. NL200) grinden um meine gecrushte (online) BR wieder aufzubauen.


Euch viel Spass und denkt ein wenig ans social life! ;-)

9 Kommentare:

Dr. Längscht hat gesagt…

tl;dr

Ne Ich habs schon gelesen.
Ich habe mir eine Strategie überlegt die gegen Downtilts helfen soll:
1. Solbald man merkt, dass man schlechter spielt aufhören.
2. Beendet man einen Tag im Down ist das nicht so schlimm und kann am nächsten Tag wieder spielen. Ist der nächste Tag auch wieder down sollte man einen Tag Pause machen. Diese Zeit kann man dann nutzen um an seinem Spiel zu arbeiten. Ist der nächste Tag auch wieder down so macht man 2 Tage Pause. usw

Der Vorteil ist man hat Zeit zu verdauen was passiert ist und man hat Zeit um an seiner Spielweise zu arbeiten. Ein weiterer Vorteil ist, dass man nach einer Pause wieder mehr Lust auf Poker hat und weil man dann positiv eingestellt ist läufts auch meistens besser.

Was meint ihr dazu?

Der Fels hat gesagt…

sehr nice der bericht! ganz ehrlich!! ich habe mich in manchen situationen wiedergefunden =)

@ rafi: mache ich vielmals ohne wirkliche Absicht mehr oder weniger so! sprich down = pause. und wie du sagst, fördert das die Lust auf Poker, und noch viel wichtiger, auch mein Spiel wird besser.

DeusDeorum hat gesagt…

Sehr neat der Bericht. Wie du schreibst, Selbsterkenntnis ist wohl das wichtigste dass es gibt, um auf einen solchen Tilt richtig zu reagieren. Find ich super dass du nun auf den niedrigeren Limits weitermachst auch wenn du auch auf NL1k vermutlich nen Edge hast. So wirst du deine alte BR bestimmt bald wiederhaben und noch einiges Extra. Und nächstes Mal merkst du es halt bereits nach Einem verballerten Stack, dass heute nicht dein bester Tag zum Zocken ist.
Social Life: Wirklich wichtig! Allerdings ist Pokern auch eine Art Social Life. Professionel betrieben sowieso. Die ganze Comm, die Materie,..Was zu kurz kommt ist wie du richtig sagst, das "Real Life" (Leben ausserhalb der PC-Welt). Zudem sind Freunde wichtig, die man ausserhalb des Pokerns hat, mit denen man über andere Dinge (wichtigere Dinge) reden kann. Und natürlich eine Familie die einem unterstützt und finanzielle Sicherheit gibt, wenn man eine solch Swinglastige Aktivität betreibt - solange du das hast musst du dir keine Sorgen darüber machen, dass dein Social Life vernachlässigt wird.
Good Luck am Table!

armi94 hat gesagt…

Thx für die Comments/das Feedback (ih freue mich auch über weitere ;-)!).

@dr.längscht
Joa ist nice, mach ich auch ein wenig so. Aber das ist halt im Prinzip ''nur'' Symptombekämpfung.

@deusdeorum
Meine Familie steht hinter dem Poker, da muss ich keine "Angst" haben ;-). Ansonsten hast du natürlich völlig recht (hab das in meinem Eintrag vll. nicht ganz so klar hervorgehoben).

Anonym hat gesagt…

"Ich nerve mich hauptsächlich ab mir selbst. Wie konnte ich so dumm sein? Und vor allem, wie konnte ich so einen blöden, absolut vermeidbaren Fehler begehen?"-->

Kurz vor Vollmond dann sind viele Menschen ein wenig gereitzt.

phred hat gesagt…

toller bericht!!
der ausdruck semitilt gefällt mir persönlich am besten, lol.

Anonym hat gesagt…

kann mich nur anschliessen: really nice post!

das kommt schon wieder. der juni suckt glaubs bei allen :)

Yannic Miller hat gesagt…

wie wahr, obwohl ja schon vieles davon bei unseren nächtelangen addiction-unterhaltungen vorkam

@tron: not ^^

Anonym hat gesagt…

Geiles Post! Fand vorallem interessant, dass sich Swings auf die Psyche übertragen und man dann mit den Gefühlslagen eines Swings herumtschtallpt. Hab ich mir noch nie so überlegt. Aber irgendwie scho krass, wenn das zu fest so ist...